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Was mich besonders an Namibia interessierte: wie ist das aufeinanderTreffen von europäisch kolonialem einfluss, afrikanischer tradition, fortschreitender technik und moderner lebensArt gleichzeitig zu bewältigen? Bestehen unüberbrückbare gegensätze oder lässt sich alles miteinander vereinbaren?


Als erstes achtete ich auf die gebäude. In Windhuk, wo jeder zunächst ankommt, gibt es im zentrum hohe, glasfassadene büroTrakte, zu deren füssen sich bunte händlerMärkte ausbreiten. Die strassen selbst weisen ein starkes verkehrsVolumen auf, überall hupt und rauscht es, stimmGewirr verschiedener sprachen, lachen und rufen. Beim überqueren ist eine fussGängerAmpel angeraten. Wie in jeder grossStadt. Es gibt bars, restaurants und einkaufsMöglichkeiten. Dann erkenne ich das wesentliche vieler läden. Hier wird afrikanische kultur verkauft. SafariZubehör, masken, tierPlastiken und bunte, rechtwinklig gemusterte stoffe. Auf den bürgerSteigen sehe ich ab und zu wohlgenährte HerreroFrauen mit ihren riesigen hüten und den 10-fachen, farbschillernden rockÜberwürfen. Woanders kleine, dünnbeinige, ärmliche buschleute mit ausladenden hintern und cremefarbener haut. Dazwischen bänker mit schlips und kragen, aus autos am strassenRand steigend.
Über mir die sonne auf blauleuchtendem himmel. Oft muss ich sie suchen in den canyon alter deutscher staatsHäuser, in denen sich nun endlose büros erschliessen.
Grosse glasFassaden neben kasernenartigen fensterReihen. Hier wird auf funktionalität wert gelegt, alles wird genutzt, wie es kommt. Namibia befindet sich noch in der phase des umbruchs, das strassenBild ist geprägt von der vielfalt der nationen und stämme, die gerade ankommen. Wer bleibt, wird jedoch irgendwann eingesogen in das universale, geschlechtslose einheitsImage: jeans und t-shirt. Die, die in den häusern arbeiten, haben diesen schritt bereits vollzogen.


Die innere uhr aber läuft wesentlich langsamer. Vorstellungen von betriebsamkeit, geschäftsSinn und orientierungsVermögen in einer modernen welt brauchen länger. Oft wissen sie nicht einmal, wie die strasse heisst, in der sie arbeiten. Beim aufräumen und sauberMachen haben sie völlig andere vorstellungen. Sie kennen keinen begriff für ecken, da ihr kral rund ist ("feg auch in den ecken!"). StaubWischen tun sie nur auf befehl, und weil sie damit geld verdienen. Einsicht dazu haben sie nicht, da der wind sowieso gleich alles wieder zubläst. Ihr ganzes tun ist oftmals losgelöst vom gesamten prozess, ohne übersicht. Sie zeigen kein verständnis, das ihre arbeit in einen sinnvollen nutzen einordnet.
Auch in punkto geschwindigkeit und kundenService lässt das weite afrikanische land der savanne grüssen. Hier sind vor allem die schwarzen die ursache. An dieser stelle muss ich etwas richtig stellen. Da für Europäer und Nordamerikaner das wort schwarzer einen eher diskriminierenden eindruck hinterlässt, bevorzugen wir die bezeichnung farbige oder dunkelhäutig. Das ist in Afrika lächerlich, da farbige,die colored, mischlinge aus schwarz und weiss sind. Dort heisst es schwarze, weisse und farbige, warum nicht, wenn man keine hinterGedanken hat, sondern nur die natürliche hautFarbe sieht.
Und doch ist in Namibia einiges anders. Total verrückt. Die sonne läuft verkehrt herum (über den norden: das land liegt auf der anderen seite des äquators), im januar ist sommer und alle fahren auf der falschen strassenSeite (rückStand aus südafrikanischer besatzung). Ausserdem ist für die einheimischen schönWetter, wenn es kalt ist und regnet (nur wer die trockene hitze und jahrelange dürre erlebt hat, versteht das).


Dafür gibt es sonnenAufgänge unter blauem himmel, die sich von rot nach gelb und hellgrün wandeln. Dazu der sonnenUntergang am Atlantischen Ozean. Wolkenlos, eine kranzartige, rote aura hinterlassend. In Swakopmund kommen dann viele an den weissen strand. Romantik für den diaAbend. Anders, wenn im juni heiss der ostWind aus der wüste weht. Wolken feinen staubes vernebeln die stadt und dringen durch fenster und türen. Sie bringen fäkalienBakterien mit und verursachen magenUnstimmigkeiten (1 TL geriebene muskatNuss hilft).
Die stadt selbst hat neues, tradition und verschiedene kulturen um so erstaunlicher zusammengeführt. Koloniale fachWerkHäuser beherrschen das zentrum, die neuen gebäude, zum stadtRand fliessend, sind modern und mehrzweckmässig gehalten. Am wasser mit seinem tidenHub spielt sich der tourismus ab und im zentrum das einkaufsLeben. Immer sieht man schwarze auf den strassen - im bau, als parkGuards oder botenJunge. Arbeitende weisse habe ich nur in banken, läden, gastronomie und verwaltung in übergeordneten funktionen gesehen. Tagsüber. Nachts gibt es dann ein/zwei diskos, aber auch ein paar kneipen deutscher art. Ähnlich wie in Windhuk ist nur der abends ausser haus, der das geld dafür hat (wer für wenig lohn viel schaffen muss (400-600$, bei fester arbeit 1000$), geht früh schlafen). Es wird billard gespielt und sehr getrunken. TafelLagerBier vom hahn: 0,4 l=4$ (eher dünn), aus der flasche 0,33=5$ (etwas würziger, wird mehr getrunken). Viele weisse sind alkoholiker. Ich habe den eindruck, sie haben kein ziel mehr, kein glauben an das land, keine aufgabe.
Trotzdem hatte ich oft das gefühl, in einer anderen ära zu sein. Die märchenhaften gebäude, der rechteckige wüstenEinschnitt von parallelen strassen und kleinen häuschen erinnert mich an ein abenteuerliches computerSpiel, dem mittelAlter nachempfunden. Alles ist wie vor 100 jahren, wenn es nicht den fernseher und die autos gäbe. Dieser zeitSprung muss wohl auf der fahrt nach Swakopmund passiert sein. Ich fühle mich dem taumel der hektik entrückt, der devotismus der schwarzen erinnert mich fast schon an sklaverei. Hier fühle ich am stärksten, dass der weisse noch scheinbar über dem gesetz steht. Und je mehr ich dann Swakopmund hinter mich lasse, umso mehr verfliegt wieder der hauch der geschichte, wehmütig und niederschlagend zugleich.
Wenn die sonne untergegangen ist (um 19.00 ist es stockdunkel), wird es sehr kühl. Für touristen gibt es gute hotels, pensionen (auch backPackerRooms) und lodges. Überall sind die preise im vergleich zum vorjahr um das dreifache angestiegen. Bei nicht unbedingt mehr leistung. Der tourismus wird immer stärker angekurbelt. Farmen, die aufgrund der trockenheit wenig rinderZucht o.ä. betreiben können, bauen zusehens gästeZimmer an. Wenn sie dann mit (foto-)safaris werben, ist vorsicht geboten. Es gibt kaum noch nennenswert tiere auf privatLand. Sie sind aufgrund fehlender vegetation und wasserStellen abgewandert oder gänzlich abgeschossen. In Namibia darf jeder farmer auf seinem grundStück frei über die sich darauf befindlichen tiere verfügen. Auch wenn es der erste staat ist, der tier- und artenSchutz in sein grundGesetz verankert hat, lässt es den privaten freien lauf. Die folge: es gibt immer weniger tiere, geschützte arten verdünnen sich, und der rest flüchtet in die nationalParks. Dort herrscht noch weitgehend ruhe, und alles wird professionel von rangern betreut. Zwar versuchen die farmer, durch zäune (1/2 m hoch für vieh, 2 m für wild) den exodus zu stoppen, aber wenn alles abgeknallt ist, müssen sie perverserweise tiere häufig nachkaufen. Letztendlich muss man glück haben, wenn einem auf einer besichtigungsTour wenigstens ein kudu begegnet oder man bei einer tierFütterung von geparden, die sich in einem umzäunten areal befinden, zuschauen darf. Aber dafür kann ich auch in den zoo gehen.